Jubeln und Weiterkämpfen

Seit genau 90 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden. Ein Grund zum Feiern, "aber der Kampf um die Gleichstellung von Frauen und Männern ist noch lange nicht gewonnen", sagte Astrid Rothe-Beinlich, frauenpolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Gespräch mit gruene.de.

gruene.de: Seit genau 90 Jahren dürfen Frauen wählen gehen. Ein Grund zum Feiern?

Astrid Rothe-Beinlich: Ja natürlich, das Frauenwahlrecht ist auf jeden Fall ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen  Frauenbewegung. Zum ersten Mal durften  Frauen wählen und - was ebenso wichtig ist - auch gewählt werden. Und: die Frauen haben diese Chance auch genutzt. Fast 90 Prozent machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch und auf Anhieb wurden 10 Prozent weibliche Abgeordnete gewählt. Seitdem konnten es sich Parteien und Politik nicht mehr erlauben Frauen und ihre spezifische Situation zu ignorieren. Das Wahlrecht war sozusagen ein Türöffner, der dazu beigetragen hat die Gleichstellung von Frauen und Männern ein großes Stück voranzutreiben. Und außerdem gilt: das Wahlrecht ist kein Privileg, sondern ein Grundrecht, das den Frauen lange Zeit zu unrecht vorenthalten wurde.

gruene.de: Jubiläum gut und schön, aber wo gibt es denn aktuell Defizite?

Astrid Rothe-Beinlich: Frauen sind in der Politik noch immer nicht gleichberechtigt vertreten. Das zeigen die Zahlen doch ganz deutlich. Heute liegt der Frauenanteil im Bundestag noch immer bei nur 32 Prozent. Der Kampf um die Gleichstellung von Frauen und Männern ist also noch lange nicht gewonnen. Aber ohne uns Grüne sähe es noch viel trauriger aus. In allen Parlamenten, in die wir eingezogen sind, haben wir den Frauenanteil enorm gesteigert. Derzeit sind wir mit 58 Prozent bei unseren Bundestagsabgeordneten einsame Spitze – Schlusslicht bildet die FDP mit lediglich 21,3 Prozent weiblichen Abgeordneten. Und das verdanken wir unserer unglaublich erfolgreichen Quote, auch wenn diese nicht unbedingt charmant daher kommt.

gruene.de: Also mehr Frauen in die Parlamente! Machen Frauen denn die bessere Politik?

Astrid Rothe-Beinlich: Frauen sind ja nicht per se die besseren Menschen, aber sie bringen andere Erfahrungen und Sichtweisen in die Politik ein. Es ist ganz einfach so, dass der Demokratie ohne die Frauen die Hälfte fehlt und Frauen oftmals anders an Probleme herangehen als Männer. Gerade auf kommunaler Ebene gibt es oft nur sehr wenige Frauen in den Parlamenten, da dieses politische Engagement ehrenamtlich ist und Frauen neben Familie und Beruf kaum die Möglichkeit haben, diese Dreifachbelastung auf sich zu nehmen. Hier gilt es, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um insbesondere Frauen zum Engagement zu ermutigen und sie gezielt zu unterstützen.
Aber natürlich müssen wir uns auch jenseits der Politik für die Gleichstellung von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen einsetzen. Ein Schwerpunkt liegt dabei für uns auf der eigenständigen Existenzsicherung von Frauen. Es geht ja nicht nur darum, zahlenmäßig eine Balance herzustellen. Unser erklärtes Ziel ist es, politische Macht und gesellschaftliche und wirtschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten wie Verantwortung gerecht zwischen Frauen und Männern zu teilen. (19.01.2008)

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