50 Jahre Gleichberechtigung. Ja und?
1. Juli 1958: Das Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft und folgt damit dem Auftrag des Grundgesetzes nach Art. 3 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". 1. Juli 2008: Astrid Rothe-Beinlich, frauenpolitische Sprecherin im grünen Bundesvorstand, erklärt was für die tatsächliche Gleichberechtigung noch getan werden muss.
gruene.de: Gleichberechtigung ist seit 1958 gesetzlich verankert. Wie sieht die "tatsächliche Gleichberechtigung" aus? Haben Frauen und Männer die gleichen Rechte und Möglichkeiten zur Erfüllung ihrer Wünsche?
Astrid Rothe-Beinlich: Noch immer besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen "gefühlter Gleichberechtigung", also dem, was Frauen heute möglich zu sein scheint, und den strukturellen Rahmenbedingungen. Am deutlichsten zeigt sich dieser in der nach wie vor herrschenden Positions- und Entgeltungleichheit auf dem geschlechtsspezifisch segregierten Arbeitsmarkt: Trotz viel besserer Schulabschlüsse erhalten Frauen in Deutschland immer noch etwa 22 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Da half auch keine deutsche EU-Ratspräsidentschaft unter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Obgleich Deutschland diese im "Europäischen Jahr der Chancengleichheit" innehatte, gab es von Seiten der Bundesregierung nicht einmal den Versuch, diese Ungerechtigkeit endlich zu beenden.
Hinzu kommt: Frauen geraten trotz gleicher Berufsabschlüsse, gleicher Berufs- und Karriereorientierung selbst dann an die unsichtbare "gläserne" Decke beim beruflichen Aufstieg, wenn sie keine Kinder haben oder auch keine Kinder wollen. Haben Frauen Kinder, müssen sie zudem das Vereinbarkeitsproblem bewältigen - nicht jedoch die Männer. In Führungspositionen sind Frauen nach wie vor selten, in Aufsichtsräten so gut wie gar nicht zu finden. Es ist also noch viel zu tun, bis von "tatsächlicher Gleichberechtigung" die Rede sein kann.
gruene.de: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN fordern ein Gleichstellungsgesetz in der Privatwirtschaft. Kann so ein Modell erfolgreich sein?
Astrid Rothe-Beinlich: Wir erleben heute, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft leider keineswegs zu mehr Gleichstellung von Frauen führten, obgleich der Fachkräftemangel schon heute ein Thema ist. Jede Menge gut ausgebildete Frauen bleiben dennoch Außen vor.
In den USA existiert bereits seit den 60er Jahren ein Gleichstellungsgesetz, auch in anderen Industrieländern, etwa in Schweden, in Österreich oder in der Schweiz. Deutschland wird es sich auf Dauer nicht leisten können die Potenziale, die Frauen mit sich bringen, zu vergeuden. Da von selbst jedoch nichts passiert, setzen wir auf gesetzliche Regelungen ebenso wie auf Quoten für Aufsichtsräte wie in Norwegen, um Frauen endlich gleichberechtigt zum Zuge kommen zu lassen.
gruene.de: Welche Rolle spielen die Männer bei der Verwirklichung der Gleichberechtigung?
Astrid Rothe-Beinlich: Auch die gleichberechtigte Teilhabe von Männern am Familienleben ist bis heute nicht realisiert. Solange jedoch Frauen und Männer nicht gleichviel verdienen, haben sie als Eltern auch keine echte Wahlfreiheit bei der Entscheidung, wer in Elternzeit geht. Auch heute sind es weiterhin vor allem Frauen, die die Familien- und Hausarbeit leisten und eine Doppelbelastung von Beruf und Familie auf sich nehmen müssen. Neben einer immer noch mangelhaften Kinderbetreuung liegt hier ein wichtiger Ansatzpunkt in der Überwindung von Rollenstereotypen in Beruf, Familie und Gesellschaft. Und: da sind auch und gerade die Männer gefragt. Der "Held der Stunde" sollte nicht länger der berufliche Überflieger, sondern vielmehr der Mann sein, der gleichberechtigt Verantwortung übernimmt. (01.07.2008)