Drei Fragen an Steffi Lemke

Portrait Steffi Lemke

In den letzten zwölf Monaten sind weltweit die Nahrungsmittelpreise rapide angestiegen und haben zu ersten Hungerausschreitungen geführt. Gruene.de befragte am Dienstag Steffi Lemke, politische Geschäftsführerin von Bündnis 90/Die Grünen, nach Ursachen dieser Entwicklung und Handlungsoptionen:

gruene.de: Warum steigen weltweit die Lebensmittelpreise dramatisch an?

Steffi Lemke: Die Preissteigerungen haben mehrere Ursachen: Zum Einen steigt die Nachfrage vor allem nach tierischen Lebensmitteln weltweit deutlich an. Zum Anderen haben die handelsverzerrenden Exportsubventionen der EU und der USA die Landwirtschaft in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern lahm gelegt. Durch massenhafte Exporte zu Dumpingpreisen ist dort die Lebensmittelproduktion gesunken.
Dazu kommt neuerdings der Agrar-Treibstoff-Boom, der die Menschen in Entwicklungsländern doppelt hart trifft. Denn ein Teil des billigen Mais oder Getreides aus Industrieländern bleibt weg, weil er nun hier in Autos verbrannt wird. Und in vielen Ländern läßt sich mit der Produktion von Viehfutter für Industrieländer besser Geld verdienen als mit der Nahrungsmittelproduktion für die dortige Bevölkerung. Ausserdem wurden jahrzehntelang die europäischen Fischfangflotten subventioniert und damit die Küstengewässer Afrikas leergefischt. Damit sind die EU und die USA direkt mitverantwortlich für Armut und Hunger der dortigen Küstenbevölkerung.
Angesichts dieses dramatischen Preisanstiegs ist es zynisch, wenn Spekulationsgeschäfte mit Getreide und Böden betrieben werden. Einige Analysten sehen einen direkten Zusammenhang zwischen den derzeitigen Preissteigerungen und Spekulationsgewinnen. Ein Beispiel: Letztes Jahr waren zeitweise 84% der US-Weizenernte in der Hand von spekulativen Fonds. Wir müssen Grundnahrungsmittel vor diesen Spekulationsprozessen schützen.

gruene.de: Die CDU will mithilfe der Gentechnik das Angebot an Nahrungsmitteln ausweiten. Ist das ein realistischer Vorschlag?

Steffi Lemke: Ich finde es unsäglich, wie die CDU mit ihrem verstaubten Ruf nach der Gentechnik versucht, von den wirklichen Problemen abzulenken und damit gleichzeitig der Agroindustrie in die Hände spielen will. Gen-Saatgut steigert die Erträge nicht. Vielmehr drohen durch die Gen-Monokulturen und Schädlingsresistenzen Ernteausfälle und Versorgungsrisiken. Und die Kleinbauern können die Preise für Gen-Saatgut und Pestizide überhaupt nicht bezahlen. Die Agrogentechnik verschärft den Hunger und stillt ihn nicht! Nur die weltweiten Agrar- und Lebensmittelkonzerne profitieren von Patentgebühren und Abhängigkeiten.

gruene.de: Wie kann jeder selbst dazu beitragen das Problem zu lösen?

Steffi Lemke: Zum ersten: Faire Produkte unterstützen, wann immer es geht. Denn: Wenn die Bauern und Erzeuger sich an strenge Auflagen halten und dafür fair bezahlt werden, dann profitieren sie auch von dem, was sie herstellen.
Zum zweiten: weniger Fleisch essen. Denn: den Löwenanteil an Flächenverbrauch durch Futtermittel für Massentierhaltung verursachen nach wie vor die reichen Industrieländer. Zur Sicherung der Welternährung und zum Klimaschutz brauchen wir regionale und saisonale Nahrungsmittel, gleichzeitig müssen wir auf Einsparung und Effizienz beim Energie- und Kraftstoffverbrauch achten.
Zum dritten: Schädlichen Exportsubventionen abbauen. Denn: wir müssen global den Flächenverbrauch für die Fleischproduktion reduzieren und Spekulationsgeschäfte mit Grundnahrungsmitteln unterbinden. Das kann man zwar nicht als Einzelperson - aber mit den Grünen. (22.04.2008)

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