Mehr Mut zur Selbstkritik und zur Konfrontation mit der Realität

Abschlusspanel beim Zukunftskongress

Diskussions- und Lernbereitschaft: "Das zeichnet die Grünen vor allen anderen Parteien in Deutschland aus", lobte SWR-Korrespondentin Dagmar Seitzer zum Abschluss des Zukunftskongresses. Mit Politikberater Warnfried Dettling und dem Zeit-Korrespondenten Gunter Hofmann war sie zu einer Kommentationsrunde geladen.

In den Podiumsdiskussionen sei es allerdings "teilweise zu lieb, zu friedlich, zu niedlich" zugegangen, brachte Dettling die Kritik der drei Kommentatoren auf den Punkt. "Wenn sich doch alle so einig sind, warum bewegt sich dann nichts im Lande?" Seitzer ergänzte, dass die Panelrunden "viel zu kurz" gewesen seien. Bei der Diskussion zur Integration etwa hätte es eine "kontroverse Diskussion gegeben, der man gerne länger zugehört hätte".

Sie beobachtete zudem: „Der Ist-Zustand ist leider noch nicht aufgearbeitet.“ Über Jahre hinweg sei die Debatte von Ist-Zuständen in der Partei versäumt und der Bezug zur Realität gelockert worden. Auch wenn die zentrale Frage des Kongresses „Wie geht’s nach Morgen“ lautete, vermisste Hofmann einen selbstkritischen Blick der Grünen zurück: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man über Zukunft verhandelt, ohne über sieben Jahre zu sprechen.“ Die Grünen müssten sich fragen, wo sie auch ein Stück weit gescheitert seien. Dies treffe vor allem auf ökologische Fragen zu. Der Zeit-Journalist appellierte an die Partei „wieder radikale Fragen zu stellen“.

Seitzer hielt dagegen: „Ehrlichkeit ist die wichtigere Kategorie als die Radikalität. Wie verkauft eine Partei ihre Ideen und Konzepte ehrlich?“ Dettling verlangte von den Grünen wieder mehr Mut zum Streit. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Grünen noch so von den Flügelkämpfen erschöpft sind.“ Deshalb beobachte er oft eine Haltung nach dem Motto „Wenn das Schiff schon keine Fahrt aufnimmt, dann soll es wenigstens nicht schaukeln.“

Für Konzeption, Stimmung, und Anspruch der Veranstaltung gab es von den Kommentatoren großes Lob. „Es kam mir vor wie eine Universität für einen Tag – grenzenloses Lernen auf hohem Niveau“, fasste SWR-Journalistin Seitzer zusammen. Der Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer, der zusammen mit seiner Co-Vorsitzenden Claudia Roth die „Morgenschau“ mit Seitzer, Hofmann und Dettling moderierte, will den positiven Schwung des Zukunftskongresses mitnehmen: „Ich hoffe, dass wir hier weitermachen, wie mit dem berühmten Stein, den man ins Wasser wirft und der Kreise zieht.“

Roth bedankte sich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die rege und kreative Mitarbeit. Ein Journalist habe ihr die Frage gestellt: „Und – was hat die Basis gelernt?“. Sie habe entgegnet: „Falsch! Die Frage ist: Was habe ich von der Basis gelernt?“