Alle Chancen für den Nachwuchs

Diskussionspanel "Bildung" mit Krista Sager und Renate Künast

02.09.2006 Kinder individuell fördern und für Chancengleichheit jenseits der Gleichmacherei sorgen – Das, so waren sich alle Teilnehmer des Panels "Kinder und Zukunft" einig, sind die wichtigsten Aufgaben, vor denen die deutschen Kindergärten, Schulen und Hochschulen stehen.

Einen Einblick in das Bildungskonzept des Pisa-Siegerlandes Finnland gab Rainer Domisch vom Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki: "Unsere Kinder müssen ihre Zukunft schöpferisch gestalten können und nicht von ihr gestaltet werden", umriss er den finnischen Anspruch. Dazu setzen die Skandinavier auf Gesamtschulen mit Ganztagsunterricht. So könnten die drei zentralen Aspekte – Gerechtigkeit, Effizienz und Qualität - am besten verwirklicht werden. "Eine Aufteilung der Kinder auf verschiedene Schulformen wie in Deutschland, das ist für jeden Finnen ein absurder Gedanke."

Für Ganztagsunterricht setzte sich auch Michael Hüther ein. Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft sieht das Bildungsproblem vor allem als Strukturproblem: "Wir selektieren viel zu früh, eine sechsjährige Grundschule wäre gerechter." Auch plädiert er für eine gesamtdeutsche Bildungspolitik: "Das Thema ist viel zu wichtig, als dass wir es der Kleinstaaterei überlassen dürfen."

Waltraud Cornelißen, Leiterin der Abteilung Geschlechterforschung und Frauenpolitik des Deutschen Jugendinstituts, betonte die besondere Bedeutung von Geschlechterfragen in der Bildungspolitik. Junge Frauen vertrauten mit zunehmenden Alter immer weniger ihren Leistungen und könnte diese immer noch schlecht in beruflichen Erfolg ummünzen. Auch die eklatant schlechteren Leistungen der Jungen in den sprachlichen Fächern mache ihr Sorgen. "Deshalb müssen Lehrer gezielter fördern, ohne dabei wieder in alte Geschlechtertrennungen zu verfallen", so Cornelißen.

Die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion Renate Künast fordert eine Neudefinition des Gerechtigkeitsbegriffs: "Bisher wird unter dem Stichwort Gerechtigkeit viel zu viel über staatliche Transferleistungen diskutiert. Jeder muss die Möglichkeit haben, das Beste aus seinem Leben zu machen", sagte Künast, die auch der grünen Kinderkommission vorsteht. Das alte System habe regelrechte Sozialhilfekarrieren vorprogrammiert und Unterschiede zementiert: "Die Armen in die Hauptschule, die Mittelschicht auf die Realschule und die Oberschicht aufs Gymnasium: So wurde in Deutschland jahrzehntelang ein Ständesystem in der Bildung geschaffen."

Der finnische Experte Domisch resümierte: "Die Deutschen wissen alles über ihre Bildungsprobleme, nur an der Umsetzung hapert es."

LINKS